Aufführungsdatenbank

Die Walküre

Besetzung 2017

Musikalische Leitung

Marek Janowski

Regie

Frank Castorf

Bühne

Aleksandar Denić

Kostüm

Adriana Braga Peretzki

Licht

Rainer Casper

Video

Andreas Deinert

Jens Crull

Technische Einrichtung 2013-2014

Karl-Heinz Matitschka

Siegmund

Christopher Ventris

Hunding

Georg Zeppenfeld

Wotan

John Lundgren

Sieglinde

Camilla Nylund

Brünnhilde

Catherine Foster

Fricka

Tanja Ariane Baumgartner

Gerhilde

Caroline Wenborne

Ortlinde

Dara Hobbs

Waltraute

Stephanie Houtzeel

Schwertleite

Nadine Weissmann

Helmwige

Christiane Kohl

Siegrune

Mareike Morr

Grimgerde

Simone Schröder

Rossweisse

Alexandra Petersamer

Termine

  • Sonntag, 30. Juli 2017, 16:00 Uhr
  • Mittwoch, 09. August 2017, 16:00 Uhr
  • Freitag, 18. August 2017, 16:00 Uhr
  • Donnerstag, 24. August 2017, 16:00 Uhr

DIE WALKÜRE

Patric Seibert über den "Ring des Nibelungen" (2013)

Die ersten Überlegungen zur Neuinszenierung des Rings für die Bayreuther Festspiele 2013 gingen zunächst in die Richtung eine Übersetzung für das Rheingold und den daraus geschmiedeten Ring zu finden. Hierbei stießen wir auf das Öl als Grundmotiv, in das auch das von Udo Bermbach ausführlich bearbeitete Thema einer durch gescheiterte Machtpolitik ruinierten Welt in die Inszenierung einfließen konnte, da dieses auch unserer Wagnersicht sehr nahe kam.

Doch sehr schnell bemerkten wir, dass wir mit einer bloßen Gleichsetzung Gold/Ring = Öl zu kurz greifen würden. Erstens ist Richard Wagner in seiner Musik wie in seiner dramatischen Vorlage zu konkret – ein solcher Eingriff würde die Werke ihres Witzes und ihrer Anarchie berauben und den Gesamtaufbau zerstören. Und zweitens wäre es auch aufgrund der äußeren Umstände der Inszenierungsarbeit kaum möglich gewesen, ein solches Konzept stringent durchzuführen, ohne dass es Reibungsverluste gegeben und Glättungen bedurft hätte. Das sollte vermieden werden.

Trotzdem war das Thema Öl gesetzt und eröffnete den Weg in die Geschichte des 20. Jahrhunderts, an dessen Schwelle Richard Wagner stand und für die er nicht nur im Bereich der Musik Wegmarken setzte, sondern auch philosophiegeschichtlich wie ein Brennglas wirkte. Von Hegel und Feuerbach kommend, bereitete er den Weg für eine Kunst des Abgründigen und Zwielichtigen und wies so auch den Weg in Richtung der Existenzialisten und zu Freud. Seine Interpretation von Schopenhauers Text Über das Geistersehen, die er 1870 in seinem Beethoven-Essay niederlegte, enthält die Beschreibung des Angstschreis als menschlicher Uräußerung an das Gehör. Der vereinzelte, entfremdete Mensch der Produkt- und Produktionswelt mit seinen Albträumen und Verstümmelungen wird thematisiert.

Wie wir sehen, gibt es kein „Ende der Geschichte“ nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten, vielmehr ist ein neuer Krieg ausgebrochen und an die Stelle des Kalten Krieges getreten. Ein Krieg um Ressourcen, die immer knapper werden und auf die der Zugriff um jeden Preis gesichert werden muss. In diesem Krieg, der auch ein Informationskrieg ist, sind alle Mittel erlaubt, denn die Interpretationsgewalt über die Geschichte behält der Sieger – so werden Fakten veränderbar, Bilder retuschierbar – die Realität fragwürdig.

Deshalb ist Geschichte auch nicht unbedingt linear zu denken. Wie beim Zappen oder Surfen, wird das Fragment immer mehr zum Fanal der Freiheit – auch dies wieder ein Fingerzeig aus der deutschen Romantik. Niemand kann mehr alles wissen – das Ideal des universal gebildeten Menschen der Aufklärung weicht dem Experten, dem Nerd und Schmalspurfachmann. Schnell generierte und gesammelte Informationen können kaum mehr in einen Gesamtkontext eingeordnet werden, Bruchteile geben einen Eindruck vom Großen und Ganzen – nur eine diskontinuierliche Erzählstruktur kann einer so fragmentarisierten Welt gerecht werden.

So nimmt die Erzählung in den USA zur Zeit der großen Hollywood Technicolorfilme – der scheinbar unbegrenzten Konsummöglichkeiten – ihren Anfang, springt dann nach Baku, wo in den 1880er Jahren ein Ölboom aufkam, in den Nobel und Rothschild als Unternehmer investierten und der für den jungen Josef W. Dschugaschwili (den späteren Stalin) zum Katalysator auf seinem Weg zum radikalen Revolutionär wurde.

Aus der ideologischen Steinzeit geht es rasch in den sozialistischen Realismus, wo man das Fürchten lernen kann. In einer Welt, in der alles aus Plastik gemacht ist, vergisst man schnell, woraus „Plaste und Elaste“ hergestellt sind. Die großen Ölkonferenzen der RGW*-Staaten in den 50er Jahren ließen das sowjetische Rohöl in die DDR fließen, von wo aus die Sekundärprodukte nicht nur in den Ländern der Warschauer Vertragsorganisation weitergehandelt wurden. Die Industriegebiete bei Leuna und Bitterfeld, die schon synthetischen Treibstoff für die Wehrmacht des Deutschen Reiches hergestellt hatten, spielten wieder eine große Rolle. Der Weg führt von Baku über die IG Farben zu Buna ... endet er an der New Yorker Börse?

Wahrscheinlich nicht – denn die Möglichkeit eines bösen Scherzes ist nicht auszuschließen. Vielleicht befinden wir uns auch nur im wirren Traum eines mongolischen Schamanen, der in der Steppe vor seinem Feuer sitzt, in die Flammen blickt und in dessen Bewusstsein Welten wie Seifenblasen auffliegen und dahinschweben...


Empfohlene Literatur:
Richard Wagner: Beethoven
Søren Kierkegaard: Der Unglücklichste/Der Begriff Angst
Arthur Schopenhauer: Über das Geistersehn und was damit zusammenhängt
Simon Sebag Montefiore: Der junge Stalin
Viktor Pelewin: Buddhas kleiner Finger/Tolstois Albtraum
Thomas Seifert/Klaus Werner: Schwarzbuch Öl


Filme:
Panzerkreuzer Potemkin (R: Sergej Eisenstein)
Tschapajew (R: Sergej und Georgji Wasilijew)
There will be blood (R: Paul Thomas Anderson)
Giant (R: George Stevens)


* Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW), 1949-1991; wirtschaftlicher Zusammenschluss der sozialistischen Staaten unter Führung der Sowjetunion.
 

Der Ring des Nibelungen

Ein Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend

 

Erster Tag: Die Walküre

In drei Aufzügen

Libretto: Richard Wagner
Originalsprache: Deutsch
Uraufführung: 26. Juni 1870 München

Personen

Siegmund (Tenor)
Hunding (Bass)
Wotan (Bass)
Sieglinde (Sopran)
Brünnhilde (Sopran)
Fricka (Mezzosopran)
Gerhilde (Sopran)
Ortlinde (Sopran)
Waltraute (Mezzosopran)
Schwertleite (Alt)
Helmwige (Sopran)
Siegrune (Mezzosopran)
Grimgerde (Alt)
Rossweisse (Mezzosopran)

Handlung

Ort und Zeit der deutschen Mythologie.

Vorgeschichte

Wotans Vereinigung mit Erda entstammen neun Töchter, die Walküren, die den Kriegshelden im Kampf zur Seite stehen und die Gefallenen nach Walhall zu ewiger Wonne geleiten. Wotans Lieblingskind unter ihnen ist Brünnhilde. Doch den Göttern droht Gefahr von Alberich, der auf die Wiedererringung des Macht verleihenden Rings lauert. Er hat zur Vollbringung seiner Rache an Wotan einen noch ungeborenen Sohn gezeugt, weshalb der Göttervater selbst mit aller Macht nach der Rückerlangung des Rings streben muss, den er den Riesen für den Bau der Götterburg überlassen musste.

Fafner, alleiniger Herr des Horts und des Rings, hat sich in einen Drachen verwandelt. So hütet er den Ring, den ihm Wotan aufgrund seines Vertrags nicht nehmen darf. Nur ein freier Held, der nicht durch die Göttergesetze gebunden ist, wäre in der Lage, den Ring zurückzugewinnen. Deshalb hat Wotan mit einer Menschenfrau das Geschlecht der Wälsungen, das Zwillingspaar Siegmund und Sieglinde, gezeugt. Hier setzt die Handlung ein.

Erster Akt

In einem furchtbaren Unwetter sucht Siegmund in Hundings Hütte Zuflucht. Sieglinde reicht dem Erschöpften einen erfrischenden Trank. Seltsam fühlen sie sich zueinander hingezogen. Als Hunding heimkehrt, berichtet Siegmund dem Misstrauischen sein trauriges Schicksal: Als er mit dem Vater von der Jagd heimkehrte, fand er das Haus verbrannt, die Mutter erschlagen und seine Zwillingsschwester verschwunden. Im Kampf mit einer feindlichen Sippe wurde er vom Vater getrennt, den er nicht mehr fand. Nun ist er waffenlos auf der Flucht. Da gibt sich Hunding selbst als Angehöriger dieser Sippe zu erkennen; im eigenen Haus hat er den Feind gefunden.

Für die Nacht schützt Siegmund das heilige Gastrecht, doch morgen wird er der Rache des Stamms verfallen sein. Allein geblieben ruft Siegmund nach seinem Vater Wälse, der ihm für höchste Not eine Waffe versprochen hatte (»Ein Schwert verhieß mir der Vater«). Da vermeint er, im Stamm einer riesigen Esche, die das Gefüge des Hauses stützt, den aufleuchtenden Griff eines Schwerts zu erblicken. Sieglinde kommt zurück. Sie hat Hunding einen betäubenden Schlaftrunk bereitet und weist Siegmund auf die Waffe hin. Sie erzählt ihm ihre eigene freudlose Geschichte (»Der Männer Sippe saß hier im Saal«). Ohne Liebe sei sie mit Hunding vermählt worden, doch bei der Hochzeitsfeier sei ein Greis erschienen und habe jenes Schwert in den Stamm der Esche gestoßen. Nur dem Stärksten, der es herausziehen könne, sei es bestimmt. In einer seltsamen Gefühlsaufwallung erkennen sie in dem Greis ihren gemeinsamen Vater Wälse, der die Waffe seinem starken Sohn, der für ihn das Erlösungswerk vollbringen soll, vorbehalten hat. Der Frühling erfüllt die Hütte mit hellem Licht (»Winterstürme wichen dem Wonnemond«). Siegmund gibt sich Sieglinde zu erkennen. Immer heftiger finden sie zueinander (»Deiner Augen Glut ... Wehwalt heißt du fürwahr? ... Siegmund heiß ich«). Mit gewaltiger Kraft zieht er das Schwert aus dem Stamm und nennt es »Nothung«. In wilder Leidenschaft eilt das Paar in den blühenden Frühling.

Zweiter Akt

In einem wilden Felsengebirge erteilt Wotan seiner Lieblingswalküre Brünnhilde den Auftrag, Siegmund in seinem bevorstehenden Kampf mit Hunding zum Sieg zu verhelfen. Fricka aber, die Hüterin der Ehe, hat Hundings Klage vernommen und fordert von Wotan Sühne für Ehebruch und Blutschande. Er muss ihr schwören, den Befehl an Brünnhilde zu widerrufen. In tiefer Resignation erzählt er seiner Lieblingstochter vom drohenden Ende der Götter, von Erdas Weissagung, von Alberichs noch ungeborenem Sohn und von seiner Selbsttäuschung über Siegmunds Natur als freier Held. Er selbst hat ihn ja durch das in der Not gegebene Schwert geschützt (»Als junger Liebe Lust mir verblich«). Nur das Ende sehnt Wotan noch herbei. Er befiehlt Brünnhilde, Siegmund im Kampf gegen Hunding unterliegen zu lassen. Ihrem Widerspruch setzt er die Drohung schwerer Strafe entgegen.

Auf der Flucht vor Hunding bricht Sieglinde erschöpft zusammen. Während Siegmund sie liebevoll bettet, erscheint ihm Brünnhilde, um ihm den baldigen Tod zu verkünden (»Siegmund, sieh auf mich«). Trotzig erklärt er, sich von Sieglinde nicht trennen zu wollen, eher wolle er sie töten. Da erbarmt sich Brünnhilde des unglücklichen Helden und verspricht ihm gegen Wotans Gebot Hilfe im Streit mit Hunding. Doch als sie Siegmund im Kampf mit ihrem Schild deckt, tötet ihn Wotan selbst mit seinem Speer. Durch eine verächtliche Handbewegung lässt er auch Hunding tot zu Boden stürzen. Dann eilt er der ungehorsamen Tochter nach, die mit Sieglinde die Flucht ergriffen hat.

Dritter Akt

Auf dem Gipfel des »Brünnhildensteines« versammeln sich alle Walküren, um gefallene Helden nach Walhall zu geleiten (»Walkürenritt«). Da naht Brünnhilde mit der willenlosen, verzagten Sieglinde und fleht ihre Schwestern an, sie vor dem rasenden Wotan, der sie verfolge, zu schützen. Sieglinde bittet Brünnhilde, ihr den Tod zu geben, doch als die Walküre ihr offenbart, dass sie Siegmunds Sohn unter dem Herzen trage, der zum größten aller Helden geschaffen sei, erwacht neuer Lebenswille in ihr (»O hehrestes Wunder«). Brünnhilde überreicht ihr die Stücke des von Wotan zerschlagenen Schwerts Siegmunds, mit denen Sieglinde flieht. Dann stellt sich Brünnhilde dem Zorn ihres Vaters. Sein Urteilsspruch ist streng: Sie soll nicht mehr Walküre sein, aus dem Kreis der Götter verbannt werden, in tiefen Schlaf versinken und die Frau des ersten Mannes sein, der sie am Wege findet und weckt. Entsetzt fliehen die Walküren vor Wotans schrecklichem Spruch; Brünnhilde erinnert Wotan mit bewegenden Worten daran, dass sie nur seinen ursprünglichen Willen erfüllen wollte. Nun mildert Wotan seinen Spruch. Ein ungeheures Feuer soll die Stätte ihres Schlafs umgeben und nur ein furchtloser Held wird sie zur Frau gewinnen können. Gerührt nimmt Wotan von seinem Lieblingskind Abschied (»Leb wohl, du kühnes herrliches Kind«), dann bettet er Brünnhilde zum Schlaf und beschwört Loge, der einen Feuerring um die Stätte legt. Schmerzerfüllt blickt Wotan zurück, dann entschwindet er durch das Flammenmeer.

 


Harenberg Kulturführer OperMit freundlicher Genehmigung entnommen aus:

© Harenberg Kulturführer Oper,
5. völlig neu bearbeitete Auflage,
Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus,
Mannheim 2007

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