Aufführungsdatenbank

Siegfried

Besetzung 2009

Musikalische Leitung

Christian Thielemann

Regie

Tankred Dorst

Bühnenbild

Frank Philipp Schlößmann

Kostüme

Bernd Skodzig

Dramaturgie

Norbert Abels

Siegfried

Christian Franz

Mime

Wolfgang Schmidt

Der Wanderer

Albert Dohmen

Alberich

Andrew Shore

Fafner

Ain Anger

Erda

Christa Mayer

Brünnhilde

Linda Watson

Waldvogel

Christiane Kohl

Termine

  • Donnerstag, 30. Juli 2009
  • Montag, 10. August 2009
  • Sonntag, 23. August 2009

Von Norbert Abels, 2006

Anmerkungen zu Tankred Dorsts Inszenierung des „Rings der Nibelungen“

Siegfried

Seit 26 Jahren umkreist Dorst die Merlin-Welt, hält sein „wüstes Land“ in Bewegung, setzt erst vor kurzem mit der modernen Semi-Oper „Purchells Traum von König Artus“ diese unendliche Annäherung fort.

 

26 Jahre vergingen, bis Richard Wagner sein Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend zum Abschluss brachte. Der Wandel vom Revolutionär zum Mythographen, vom unbekannten Tonsetzer zum gründerzeitlichen Kunstidol, vom utopischen Bewusstsein zur Beschwörung des Unterganges flankierte dieses Vierteljahrundert. Aus dem ursprünglichen Plan zu der großen Heldenoper „Siegfrieds Tod“, später zur „Götterdämmerung“ umgeformt, schälte sich beizeiten schon die Unabdingbarkeit heraus, die Vorgeschichte zu erzählen, retrogenetisch vom Ende her an den Ursprung zu gelangen; vorbei an Menschentragödien, Riesen- und Drachenkämpfen, Götterkonflikten und Nachtalbenkämpfen zum Grund des Flusses, worin das rote Gold die Strahlen der Sonne reflektiert.

 

Siegfried betritt als Bär die Szene, die in einem verlassenen Schulgebäude angesiedelt ist. Mime hat diesen Ausbildungsort mit Tafel, Globus und Werkbank gewählt, um das göttliche Kind heranwachsen zu lassen. Am Rande steht noch das Gitterbettchen dieses Kindes, aus dem inzwischen ein ungeschlachtes, immer noch ungebildetes Wesen geworden ist, dem das Ressentiment gegen seinen Erzieher gleichsam im Blut sitzt. Wenn er hereinbricht, wirbelt er das Papier in die Luft. Noch später, in der „Götterdämmerung“, wird er despektierlich mit dem geschriebenen Wort umgehen. Der alte Physiksaal ist ihm längst zum Gefängnis geworden, dem er so entrinnen muss wie einst seine Mutter und sein Vater bei ihrer Flucht aus Hundings Waldvilla. Der Wanderer gelangt genau an jenem Ort in diesen Raum, an dem Mime seine vergeblichen Lehrproben abgehalten hat und den Siegfried zutiefst hasst. Die Tücke einer Schultafel scheint unbegrenzt.

 

Das Schmieden des Schwertes geschieht zeitgleich mit dem Verschwinden der Kindheit. Siegfried haut die Stätte seiner frühen Jahre in Stücke. Er zerschlägt seine Kindheit, der mit der Vollendung des Schwertes der zukünftige Mörder des Nibelungen und des Drachen folgt. Dorst notiert: „als er das Schwert „schmiedet“, ist er ein anderer geworden. Kein Kind mehr. Ein Täter, der alles Erlernte verachtet. Sein Gang, seine Schläge sind schwer geworden. Wir werden auch Hans, das heutige Kind erblicken, das es mit Begeisterung dem Helden gleichtun will.“

 

Wird der Held die Furcht erlernen? Er macht sich auf zum Wald, dem – wie Elias Canetti beschrieb – deutschen Symbolraum par excellence. Gleich zu Beginn sehen wir Heutige in Dorsts Drachenwald. Über ihm wölbt sich eine unvollendete Autobahnbrücke. Dort machen sich Arbeiter zu schaffen. Später gesellen sich andere Waldbesucher hinzu. Der Wald: wiederum ein so karger wie heutiger Ort. Nur manchmal verwandelt er sich für eine kurze Zeit und leuchtet auf als romantischer Ort. Ähnlich der Maschinenhalle des „Rheingold“ aber zeitigt auch er Ambivalenz. Unter der Brücke bebt der Waldboden. Hier, unter dem Zivilisationsträger, röhrt der finstere Archaismus die bürgerliche Parole: „Ich lieg und besitz.“

 

Am Ende gelangen wir wieder in den Steinbruch der „Walküre“. Bis auf den Feuerkreis hat sich darin nicht viel verändert. Der Mann Siegfried entdeckt die Frau Brünnhilde, indem er sie – ihr Schild ist inzwischen moosüberzogen – aufdeckt und dabei konstatiert: „Das ist kein Mann.“ Das längste Liebesduett der Operngeschichte hebt an. Erzählen die Klänge nicht zugleich vom Scheitern dieser Liebe?

Der Ring des Nibelungen

Ein Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend



 

Zweiter Tag: Siegfried

In drei Aufzügen

Libretto: Richard Wagner
Originalsprache: Deutsch
Uraufführung: 16. August 1876 Bayreuth

 

Personen

Siegfried (Tenor)
Mime (Tenor)
Der Wanderer (Bass)
Alberich (Bariton)
Fafner (Bass)
Erda (Alt)
Brünnhilde (Sopran)
Stimme des Waldvogels (Sopran)

 

Handlung

Ort und Zeit der deutschen Mythologie.

 

Vorgeschichte

Auf ihrer Flucht ist Sieglinde im tiefen Wald in die Höhle des Nibelungen Mime, des kunstreichen Schmieds, gekommen und hat den Knaben Siegfried geboren, nach dessen Geburt sie gestorben ist. Mime hat den Knaben aufgezogen. Die Stücke des zerbrochenen Schwerts wieder zusammenzuschmieden ist jedoch selbst ihm nicht gelungen.

Erster Akt

Mit einem gefangenen Bären kehrt Siegfried aus dem Wald in Mimes Höhle zurück. Mime hat ihm ein Schwert geschmiedet, doch er zerschlägt es mit einem einzigen Hieb. Als ihm Mime die Stücke des Schwerts zeigt, das sein Vater trug, als er im letzten Kampf unterlag, erkennt Siegfried die für ihn bestimmte Waffe und fordert Mime auf, sie für ihn zusammenzuschmieden. Mimes Klagen über seinen Undank und die Aufzählung aller Wohltaten, die der Zwerg ihm erwiesen hat, können Siegfried nicht daran hindern, seinen natürlichen Abscheu vor dem Nibelungen zu zeigen. Er stürmt wieder in den Wald hinaus.

Wotan, der als Wanderer die Welt durchstreift, betritt Mimes Höhle. Für drei Fragen, die ihm Mime stellen soll, setzt er sein Haupt als Pfand. Mimes Fragen nach den Geschlechtern, die in der Unterwelt, auf der Erde und im Himmel wohnen, beantwortet der Wanderer mühelos (»Auf wolkigen Höh'n thronen die Götter«). Dann stellt er selbst dem Schmied drei Fragen, deren letzte, wer in der Lage sei, die Stücke des Schwerts zusammenzuschweißen, Mime nicht zu beantworten vermag. Nun ist sein Leben dem Wanderer verfallen, der selbst die Antwort gibt: Nur wer das Fürchten nicht gelernt habe, werde die Stücke des Schwerts wieder vereinen; diesem werde auch Mime unterliegen. Lachend verlässt der Wanderer den verängstigten Zwerg.

Siegfried stürmt in die Höhle zurück und beschimpft Mime, der ihm das Schwert noch immer nicht geschmiedet hat. Nun macht er sich selbst an die Arbeit. Während Mime erkennt, dass dies der Held ist, der das Fürchten nicht kennt, schmiedet Siegfried selbst Nothungs Trümmer wieder zusammen (»Nothung! Nothung! Neidliches Schwert«). Mime wird Siegfried zur Drachenhöhle führen, wo Siegfried für ihn den Nibelungenhort gewinnen soll. Dann will er den jungen Helden durch einen Gifttrank töten und selbst das Gold und den Ring besitzen. Siegfried vollendet seine Arbeit (»Was schafft der Tölpel dort? ... Schmiede mein Hammer, ein hartes Schwert«) und spaltet am Ende den Amboss durch einen einzigen Schlag von oben bis unten. Jauchzend hält er das Schwert hoch.

Zweiter Akt 

Vor Fafners Nest, der »Neidhöhle«, kauert Alberich in dumpfer Ahnung, dass der Held, der den Hort erringen werde, nicht mehr fern sei. Wotan erscheint und warnt ihn vor Mimes Gier nach dem Ring. Dann weckt er den schlafenden Fafner, dem Alberich den nahenden Siegfried ankündigt, und verspricht, wenn Fafner ihm den Ring gebe, werde er ihn vor dem Helden bewahren. Doch Fafner kümmert sich nicht darum; er fühlt sich sicher im Besitz des Horts. Siegfried und Mime erscheinen vor der Neidhöhle. Siegfried kennt keine Angst vor dem unheimlichen Ort. Mime fordert ihn zum Kampf mit dem Drachen auf, in der Hoffnung, dass Siegfried unterliege und damit des Wanderers Prophezeiung widerlegt werde. Allein geblieben lässt sich Siegfried unter einer Linde nieder. Er denkt an seinen Vater und fühlt sich erleichtert, dass nicht Mime es ist. Auch um die tote Mutter bewegen sich seine Gedanken (»Dass der mein Vater nicht ist«).

Mit seinem Hornruf lockt er einen Waldvogel, doch der Ton hat Fafner geweckt, der sich ihm Feuer speiend als grässlicher Drache zeigt. Siegfried erlegt ihn nach kurzem Kampf. Im Sterben warnt Fafner ihn noch vor dem tückischen Mime. Als Siegfried mit dem Blut des Drachen seinen Mund berührt, versteht er plötzlich die Sprache des Waldvogels, der ihn auffordert, aus Fafners Höhle den Tarnhelm und den Ring zu holen. Während Siegfried hinabsteigt, geraten Mime und Alberich in Streit um den Hort, ziehen sich aber schnell zurück, als Siegfried mit dem Ring und dem Tarnhelm aus der Höhle zurückkehrt. Mime bietet Siegfried nun seinen giftigen Trank an, doch das Blut des Drachen hat ihn auch hellhörig gemacht. Mimes böse Gedanken vernimmt er wie gesprochene Worte. Mit einem Streich tötet er ihn, worauf Alberich mit höhnischem Lachen im Wald verschwindet. Als sich Siegfried müde unter der Linde ausstreckt, spricht der Waldvogel wieder zu ihm und verheißt, ihn zu einem herrlichen Weib zu führen, das auf einem von Flammen umgebenen Felsen schlafe und nur von dem errungen werden könne, der das Fürchten nicht gelernt habe. Siegfried folgt dem Vogel begeistert.

Dritter Akt 

Wotan beschwört Erda, um von ihr die Zukunft zu erfragen (»Wache, Wala«). Doch auch ihr Wissen befriedigt ihn nicht, er versenkt sie in ewigen Schlaf. Er will die Macht freiwillig dem jungen Helden überlassen, der Brünnhilde zu wecken vermag. Dann soll der unselige Ring zu den Rheintöchtern zurückkehren und der Fluch Alberichs erloschen sein. In der Morgendämmerung erscheint Siegfried. Der Waldvogel zieht sich vor Wotan zurück. Mit seinem Speer versperrt Wotan Siegfried den Weg, doch dieser zerschlägt die Waffe mit Nothung; Wotans Macht ist gebrochen. Furchtlos stürzt sich Siegfried in das Flammenmeer und erreicht den Gipfel (»Selige Ode auf sonniger Höh'«). Das Feuer zieht sich zurück, und Siegfried erblickt die schlafende Brünnhilde, die er nach scheuem Zögern durch einen Kuss weckt. Langsam erwacht Brünnhilde und begrüßt den hellen Tag (»Heil dir, Sonne«). Sie erkennt den Helden, der sie geweckt hat und vor dem sie nun ohne Schutz ist. Vergebens bittet sie ihn, von ihr zu lassen und an seine Sendung als Herr der Welt zu denken. Sie erliegt seiner stürmischen Werbung, in seligem Taumel sinken sie einander in die Arme.



 


Harenberg Kulturführer OperMit freundlicher Genehmigung entnommen aus:
 

© Harenberg Kulturführer Oper,
5. völlig neu bearbeitete Auflage,
Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus,
Mannheim 2007

Menü