Aufführungsdatenbank

Götterdämmerung

Besetzung 2010

Musikalische Leitung

Christian Thielemann

Regie

Tankred Dorst

Bühnenbild

Frank Philipp Schlößmann

Kostüme

Bernd Skodzig

Dramaturgie

Norbert Abels

Chorleitung

Eberhard Friedrich

Siegfried

Lance Ryan

Gunther

Ralf Lukas

Alberich

Andrew Shore

Hagen

Eric Halfvarson

Brünnhilde

Linda Watson

Gutrune

Edith Haller

Waltraute

Christa Mayer

1. Norn

Simone Schröder

2. Norn

Martina Dike

3. Norn

Edith Haller

Woglinde

Christiane Kohl

Wellgunde

Ulrike Helzel

Floßhilde

Simone Schröder

Termine

  • Sonntag, 01. August 2010
  • Freitag, 13. August 2010
  • Mittwoch, 25. August 2010

Von Norbert Abels, 2006

Anmerkungen zu Tankred Dorsts Inszenierung des „Rings der Nibelungen“

Götterdämmerung

Dorsts Zugriff auf den „Ring“ fragt nach der Wahrheit des alten, nach Nietzsche, „urgermanischen Wortes“, wonach alle Götter wie die Menschen sterben müssen. Wagners an der griechischen Tragödie geschulte Familiensaga lässt, dem roten Gold des Anfangs entsprechend, am vermeintlichen Schluss eine „dem Nordlicht ähnliche rötliche Glut“ am Himmel erscheinen.

 

Aus den Trümmern der Gibichungen dringt bei Wagner Feuerschein nach oben und illuminiert „in lichtester Helligkeit“ aufleuchtend den Saal Walhalls, worin Götter und Helden in stiller Versammlung wie auf einem Familienportrait versammelt sitzen. Das Bild mag verglühen; die Dargestellten aber sterben so wenig wie die griechischen Götter, deren Schicksal eben gerade die Unendlichkeit war. Auch Siegfried, der Held, wartet dort wie Phoenix, Tammuz, Osiris oder der Nazarener auf seine Wiederherstellung im Labyrinth der Unendlichkeit.

 

Der Begriff „Dämmerung“, so ambivalent wie der Zeitbegriff „einst“, bestimmt auch Dorsts Blick auf das Ende, das kein Ende sein darf, weil alles, was war, ist und sein wird, im Raum und in der Zeit fortatmet, auch in unserer, von Bildüberschwemmungen heimgesuchten Epoche.

 

Der „dritte Tag“ der Tetralogie spielt vollends in der Menschenwelt. Wotan hat sich aus diesem Spiel zurückgezogen. Die Schicksalsnornen, die zu Beginn von Siegfrieds Tat, dem Zerbrechen des Götterspeeres, berichten, erzählen vom Ende, von den zum Brand gerüsteten Scheiten der Weltesche, von den letzten Tagen Walhalls. Bei diesem Geschäft geraten die Prophetinnen aber selbst in arge Bedrängnis. Es verwirren sich unauflösbar ihre Schicksalsseile. Der Blick auf die Zukunft scheint versperrt. Wagner bereitet klug sein oft umgearbeitetes und schließlich bewusst ambivalent, ja offen gestaltetes Finale vor. Was bleibt, ist der Blick auf das Gewesene. Walter Benjamins Angelus Novus, der Engel der Geschichte, nähert sich mit dem Blick auf die Kalvarienberge der Geschichte dem Paradies.

 

In unserem „Ring“ residieren die ins Universum starrenden Spinnerinnen auf einer gewaltigen Schädelstätte. Unter ihnen liegen die Toten, die Vergessenen, welchen kein Weg als Held nach Walhall beschieden ward. Unter ihnen liegt unsere eigene Geschichte. Wie sie weitergeht, kann niemand mehr prognostizieren: „Zu End ewiges Wissen.“ Held Siegfried verlässt im Steinbruch Brünnhilde. Er schenkt ihr den von Fafner erbeuteten Ring. Wie ahnungslos ist er? Wohin treibt es ihn, das unwissende Instrument einer großväterlichen List und eines egomanischen Planes?

 

Was folgt, ist die Fortsetzung des Machtkampfes in der Wirklichkeit. Wir entschlossen uns für eine Gesellschaft am Vorabend des Unterganges. Charakteristisch für diese Gesellschaft ist die von ihr geradezu kulthaft zur Erscheinung gebrachte Affinität von Ästhetizismus und Barbarei. Die Welt der Gibichungen erinnert an jene Mischung aus dekadenten und martialischen Elementen, wie sie für die Kunst eines Gabriele D’Annunzios galt.

Tankred Dorst

zeigt, wie dort ein Kunstmythos mit künstlichen Mitteln, mit Mitteln der Verkleidung, errichtet wird. Begegnen uns beim genaueren Hinschauen unter den zum Teil kostümierten Partygästen nicht auch Figuren aus dem Leben des Meisters? Wandeln dort nicht auch der Anarchist Bakunin oder der Bayernkönig Ludwig?

 

Künstliche kriegerisch-antike Symbole, mit Patronenköpfen versehene Säulen, werden in der großen Hotelhalle der Gibichungen aufgestellt. Man entdeckt das Uralte, man unterhält sich mit Ritualen, man frönt einem bizarren Opferritus. „Mysterientheater“, sagt Dorst und präzisiert: „Man vergisst, dass es sich um Menschen aus der Wende zum 20. Jahrhundert handelt – so wie der Faschismus das heroische Zeitalter wieder heraufbeschwören wollte in einer Welt, die dem Luxus, der Wellness, dem Konsum verfallen ist. Diese Anstrengung ist lächerlich, manieriert, auch blutig. Da stolziert als Allegorie der Eitelkeit der große Hahn. Die in einer Reihe aufgestellten eleganten Schuhe präsentieren sich als hohle Formen, abgelöst von ihren lebendigen Trägern, nunmehr deren Stelle einnehmend.“

 

Wenn Siegfried auftritt, beginnt ein Ritual unter dem alten anthropologischen Titel: Urmensch und Spätkultur. In dem Maße, in dem der Wilde die ihm zugewiesene Rolle reproduziert, sinkt seine Stärke, versiegt seine Unschuld. Siegfried, der Einzige, dient als lebende Veranschaulichung eines neu-barbarischen Kulturideals. Sein Tod bei der Jagd geschieht vor den Augen der dekadenten Hotelgäste, scheint diese – an Scheininszenierungen gewohnt – nicht eben sonderlich zu interessieren. Wieder gelangen Heutige auf die Szene. Die Tatbestandsaufnahme eines Mordes wird mit Kreide auf der Vorderbühne festgehalten. Der große Brand erfolgt am Schluss. Wer verbrennt? Was geht unter? Zur Nachtzeit versuchen die Hotelgäste panisch das Gebäude zu verlassen. Es gelingt ihnen. Aber was erwartet sie außerhalb der Mauern in der Außenwelt, jenseits der Weckglasatmosphäre ihrer morbidbizarren Kultur?

 

Dorst beantwortet diese Frage mit neuen Rätseln. Einige kehren zurück. Was mögen sie draußen erblickt haben? Siegfried ist tot. Aber Hans, der Bub, der während der vier Abende immer wieder aufgetaucht ist, scheint auch am Ende höchst lebendig. Und so Sieglindes Erlösungsmotiv erscheint – ein anrührendes Déjà-vu, ein junges Liebespaar.


Der Ring des Nibelungen

Ein Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend

 

Dritter Tag: Götterdämmerung

In einem Vorspiel und drei Aufzügen

Libretto: Richard Wagner
Originalsprache: Deutsch
Uraufführung: 17. August 1876 Bayreuth

Personen

Siegfried (Tenor)
Gunther (Bariton)
Hagen (Bass)
Alberich (Bass)
Brünnhilde (Sopran)
Gutrune (Sopran)
Waltraute (Mezzosopran)
Erste Norn (Alt)
Zweite Norn (Mezzosopran)
Dritte Norn (Sopran)
Woglinde Rheintochter (Sopran)
Wellgunde Rheintochter (Sopran)
Floßhilde Rheintochter (Sopran)

Handlung

Ort und Zeit der deutschen Mythologie.

Vorspiel

Auf dem Walkürenfelsen sitzen in tiefer Nacht die drei Nornen, am Seil des Schicksals spinnend. Sie erzählen einander, dass Wotan den Untergang der Götter beschlossen hat. Die Welt-Esche, das Symbol seiner Herrschaft, hat er fällen und die Scheite um Walhall schichten lassen. Sobald der fluchbelastete Ring den Rheintöchtern zurückgegeben sei, wolle er den Brand in die Burg werfen; die Götterdämmerung werde sich erfüllen. Das goldene Seil der Nornen reißt. Sie versinken in der Tiefe. In der Morgendämmerung treten Siegfried und Brünnhilde ins Freie. Er nimmt von ihr Abschied, es zieht ihn zu neuen Fahrten. Brünnhilde gibt ihm ihr Ross Grane. Er lässt ihr als Pfand seiner Treue den Ring zurück (»Zu neuen Taten, teurer Helde«). Das Orchester schildert »Siegfrieds Rheinfahrt«.

Erster Akt

In der Halle der Gibichungen am Ufer des Rheins herrscht Gunther. Mit ihm wohnen dort Gutrune, seine Schwester, und Hagen, sein Halbbruder, der Sohn, den Alberich liebelos gezeugt hat. Hagen erzählt Gunther von Brünnhilde, die auf dem flammenumgebenen Felsen ruhe. Nur der Stärkste, Siegfried der Drachentöter, könne sie für ihn gewinnen. Durch einen Vergessenstrank müsste Siegfried an Gutrune gefesselt werden und Brünnhilde für Gunther freien.

Schon hört man Siegfrieds Horn auf dem Fluss. Er wird von Gunther willkommen geheißen. Durch Hagen erfährt Siegfried, welche Bewandtnis es mit dem Tarnhelm hat. Der zauberische Vergessenstrank, von Hagen gereicht, tut alsbald seine Wirkung, Siegfried vergisst Brünnhilde und entbrennt in Liebe zu Gutrune. Er bittet Gunther um ihre Hand, auch ist er bereit, Brünnhilde mithilfe des Tarnhelms für Gunther zu gewinnen. Mit feierlicher Blutsbrüderschaft wird der Pakt besiegelt. Nun ist auch Siegfried dem Fluch des Rings verfallen. Sogleich brechen Gunther und Siegfried zum Brünnhildenstein auf. Hagen bleibt sinnend zurück (»Hier sitz' ich zur Wacht«). Er hofft auf den Ring und die Herrschaft über die Welt.

Auf dem Walkürenfelsen erwartet Brünnhilde Siegfrieds Rückkehr. Ihre Schwester Waltraute eilt zu ihr, Wotans Gebot missachtend, wonach sich niemand ihr nähern darf. Sie berichtet von der Not der Götter, deren Untergang bevorstehe. Mit ergreifenden Worten schildert sie Wotans Resignation (»Seit er von dir geschieden«). Flehentlich bittet sie Brünnhilde, den Ring freiwillig den Rheintöchtern zurückzugeben, doch diese weist das Ansinnen, Siegfrieds Liebesgabe zu opfern, stolz zurück, mag auch Walhall zugrunde gehen. Klagend eilt Waltraute fort. – Siegfrieds Hornruf erschallt. Freudig will Brünnhilde ihm entgegeneilen, doch zu ihrem Entsetzen sieht sie einen Fremden durch die Flammen schreiten, nicht ahnend, dass Siegfried selbst es ist, der durch den Tarnhelm Gunthers Gestalt angenommen hat. Nach kurzem Ringen entreißt er ihr den Ring und befiehlt ihr, in das Felsengemach zu gehen, wo er Nothung zwischen sie und sich legt, um zu bekunden, dass er dem Blutsbruder die Treue gewahrt hat.

Zweiter Akt

Vor der Gibichungenhalle wacht Hagen, als ihm sein Vater Alberich erscheint, um seinen Hass gegen Siegfried und die Götter anzuschüren und ihn zum Gewinn des Rings aufzufordern. Im Schlaf gelobt Hagen, dem Vater treu zu sein, wie dieser es fordert. Siegfried hat sich durch den Tarnhelm zur Halle zurückversetzen lassen, um vor den anderen wieder bei Gutrune zu sein. Er berichtet Hagen und Gutrune von der gelungenen Werbung, worauf Hagen mit gewaltigem Ruf alle Männer versammelt und sie auffordert, zur Hochzeit zu rüsten (»Hoiho, ihr Gibichsmannen!«).

Gunther trifft ein und stellt die bleiche Brünnhilde, die kaum den Blick zu heben wagt, seinem Gefolge vor. Als er sie Siegfried und Gutrune entgegenführt, weicht Brünnhilde entsetzt zurück. Siegfried scheint sie nicht zu kennen. Fassungslos erfährt sie, dass er mit Gutrune verlobt ist. An seiner Hand erblickt sie den Ring.

Nun durchschaut sie den Betrug und klagt Siegfried offen an, dass er es war, der sie in Gunthers Maske bezwungen habe. Siegfried aber, durch den Zaubertrank der Erinnerung beraubt, weiß nur, dass er den Ring einst dem Drachen abgewonnen und dem Blutsbruder Gunther die Treue gehalten hat. Bei des Speeres Spitze schwört er einen heiligen Eid auf die Wahrheit seines Worts, doch Brünnhilde entreißt ihm den Speer und bekräftigt, dass sie es ist, deren Worte der Wahrheit entsprechen. Mit einer übermütigen Bemerkung über die Launen der Frauen sucht Siegfried die Situation zu entschärfen. Er führt Gutrune in die Halle.

Brünnhilde bleibt mit Hagen und Gunther allein zurück. Sie sinnt auf Rache für Siegfrieds Treuebruch, den sie nicht begreifen kann. Hagen versteht es, ihr zu entlocken, dass Siegfried am Rücken verwundbar sei. Morgen auf der Jagd will er ihn hinterrücks überfallen. Auch Gunther, der bisher unentschlossen und schwankend war, stimmt dem Plan zu, bedauert jedoch Gutrune, der man sagen wird, ein wilder Eber habe Siegfried getötet. Hagen scheint dem Ziel seiner finsteren Pläne nahe. Als sich Brünnhilde und Gunther in die Halle begeben wollen, kommt ihnen Siegfrieds und Gutrunes Hochzeitszug entgegen, dem sie sich widerstrebend anschließen.

Dritter Akt

Siegfried hat sich auf der Jagd in ein wildes Waldtal am Ufer des Rheins verirrt, wo er mit den spielenden Rheintöchtern zusammentrifft. Sie bitten ihn um den Ring. Er ist fast dazu bereit; doch als sie ihm weissagen, dass er noch heute sterben müsse, wenn er ihn behielte, weigert er sich, den Ring wegzugeben.

Die Jagdgesellschaft mit Gunther und Hagen findet sich ein. Hagen reicht Siegfried einen Erinnerungstrank. Der Aufforderung, von seinen Heldentaten zu erzählen, kommt Siegfried gern nach (»Mime hieß ein mürrischer Zwerg«). Die Erinnerung kommt ihm wieder, und nach der Erzählung vom Kampf mit dem Drachen berichtet Siegfried auch von der Gewinnung Brünnhildes. Nun erscheint sein Meineid erwiesen. Hagen heißt ihn, zwei Raben nachzublicken, die gerade über ihm fliegen. Als Siegfried ihm dabei den Rücken zuwendet, durchbohrt er ihn mit seinem Speer. Sterbend grüßt Siegfried klaren Blickes noch einmal Brünnhilde (»Brünnhilde, heilige Braut«).

In feierlichem Trauerzug wird der Tote auf die Schilde gehoben und zur Gibichungenhalle getragen (»Trauermarsch«). Dort erwartet Gutrune voll düsterer Ahnungen die Rückkehr Siegfrieds. Hagen trifft als Erster ein und verkündet Gutrune den Tod ihres Gatten. Offen bekennt er, dass er selbst ihn erschlug, dann fordert er von Gunther den Ring. Als sich dieser weigert, erschlägt Hagen auch ihn. Dann will er selbst Siegfried den Ring vom Finger ziehen. Als aber der Tote drohend die Hand erhebt, weicht er schaudernd zurück.

Brünnhilde erhebt die Totenklage um Siegfried, da sie nun alle Zusammenhänge kennt (»Starke Scheite schichtet mir dort«). Sie lässt einen gewaltigen Scheiterhaufen für Siegfried errichten. Dann nimmt sie den Ring an sich, entzündet den Holzstoß mit einer Fackel und reitet mit ihrem Ross in die Flammen (»Mein Erbe nun ... Grane, mein Ross, sei mir gegrüßt«). Der Rhein tritt über die Ufer und lässt die Halle einstürzen, die Rheintöchter ziehen Hagen, der bis zuletzt versucht, den Ring an sich zu bringen, mit sich in die Tiefe. Freudig halten sie den wiedergewonnenen Ring in die Höhe. In einem Feuerschein am Himmel sieht man das von Flammen eingehüllte Walhall; das Ende der Götter ist gekommen. Wotans Schicksal hat sich erfüllt.

 


Harenberg Kulturführer OperMit freundlicher Genehmigung entnommen aus:

© Harenberg Kulturführer Oper,
5. völlig neu bearbeitete Auflage,
Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus,
Mannheim 2007

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