Realitot oder Wagner in Endzeit-Stimmung
Ein performativ-wissenschaftlicher Exkurs in die Untiefen des Meisters
Kuratiert von Musiktheaterkollektiv Hauen und Stechen
Ein performativ-wissenschaftlicher Exkurs in die Untiefen des Meisters
Kuratiert von Musiktheaterkollektiv Hauen und Stechen

Hauen und Stechen ist ein Berliner Musiktheaterkollektiv, das seit 2012 ein radikal zugängliches, genreübergreifendes Musiktheater entwickelt. Seine Arbeiten verbinden Oper, Schauspiel, Film, Philosophie, bildende Kunst und Performance zu einer eigenwilligen und publikumsnahen Theatersprache. Produktionen des Kollektivs waren u. a. an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, der Bayerischen Staatsoper, der Hamburgischen Staatsoper, der Deutschen Oper Berlin und dem Ballhaus Ost zu erleben.
Mit REALITOT ODER WAGNER IN ENDZEITSTIMMUNG sind sie zum ersten Mal zu Gast bei den Bayreuther Festspielen und laden ein zu einem immersiven Diskursprogramm über die Kraft der Überlieferung und den Mythos der Erlösung.
Die Welt brennt und alle verkleiden sich als Gralsritter. Ein quasi-religiöses Kollektiv Verschworener kommt in einem rituellen Kreis zusammen, um auf die Erlösung zu warten. Draußen tobt der Sturm, aber hier herrscht Einigkeit, hier ist Frieden… Oder ist jemand dagegen?
Im Anschluss an die Performance sprechen Schauspieler:innen des Theater Thikwa und der Münchener Kammerspiele mit dem Publikum darüber, was es bedeutet Wagner als Mensch mit Behinderung zu singen und zu spielen und darüber, wie viel Diversität Wagner verträgt.
Mit: Maria Buzhor, Louis Edler, Teresa Heiß, Nele Jahnke, Johanna Kappauf, Roman Lemberg, Julia Lwowski, Gina-Lisa Maiwald, Max Murray, Peter Pankow, Vasyl Ratmansky, David Ristau
In einem Polit-Talk der besonderen Art legen von Wagner Betroffene ihre Wunden offen und diskutieren über Heilsversprechen und Heilmethoden. Richard Wagners politischer Wandel vom geflüchteten Linksrevolutionär zum etablierten Reaktionär dient als Folie für ein Gespräch über die konservative Wende von heute. Welche Rolle kommt der Kunst und insbesondere Wagner-Opern dabei zu? Sollten sie heilen oder den Finger in die Wunde legen?
Als besonderer Gast ehrt Winifred Wagner (gespielt von Schauspielerin Gina-Lisa Maiwald) die Gesprächsrunde mit einer Kocheinlage. Moderiert von Maria Buzhor, mit musikalischen Interventionen von Alexandra Holtsch.
Mit den Gästen: Dr. Ulrike Hartung (Musik- und Theaterwissenschaftlerin), Alexandra Holtsch (Komponistin, Regisseurin)
Unter dem Motto »Entdecke die WalKÜR in Dir« gibt Regisseurin Julia Lwowski mit dem Musiker Roman Lemberg einen Walküren-Workshop für Sie. Unter Anleitung erarbeiten Teilnehmende eine Opernszene, inszenieren und performen sie schließlich selbst. Es folgt eine gemeinsame Auswertung und ein Gespräch über die Walküren und ihre Spuren in uns. Kostüme, Requisiten und Arbeitsmaterial werden gestellt. Anmeldung erbeten unter: kollektiv@hauen-und-stechen.com
Den ersten Diskurstag beschließt ein RING-Turntable Set von DJ Vasyl. Alle sind herzlich zum Feiern und Tanzen geladen und werden mit dem goldenen Zaubertrank des Vergessens empfangen.
Der Hügel gerät in einen Zustand kollektiver Überforderung. Festspielgäste treffen ein. Noch im Auto werden Roben, Krawatten und Abendkleider übergeworfen. Drei Wagner-Vorspiele prallen aufeinander. Die Krankenschwester Ursula übernimmt. Sie diagnostiziert Wagner-Erschöpfung und verordnet als einzig wirksames Heilmittel: noch mehr Wagner. Inspiriert ist ihre Figur von dem NS-Propagandafilm Stukas (1941), in dem ein traumatisierter Luftwaffenoffizier durch einen Besuch der Bayreuther Festspiele wieder »kampftauglich« gemacht wird.
Von dort aus beginnt die Maschine zu laufen: Wagners Die Wibelungen wird zur Bauanleitung seiner Mythenwelt, Leitmotive werden seziert, Schreie katalogisiert, Puppen übernehmen das Wort, Filme, Musik und Vorträge greifen ineinander. Bayreuth wird zur Versuchsanordnung zwischen Heilung, Ansteckung und Ideologie.
Mit: Katja Czellnik (Performerin), Franziska Kronfoth (Regisseurin), Roman Lemberg (Tasteninstrumente), Wieland Lemke (Kostümbildner), Florian Loycke (Puppenspiel), Max Murray (Komponist), Janine Ortiz (Dramaturgin), Vera Pulido (Soundkünstlerin), Nolundi Tschudi (Performerin, Multi-Instrumenalistin)
Draußen glüht das Eisen. Ein echter Bayreuther Schmied, Philipp Ott, schmiedet Ring und Schwert. Feuer, Hämmer, Metall und Gespräche über eine der ältesten Technologien der Menschheit.
Mit: Philipp Ott (Schmied und Mittelalterexperte)
Tarnhelm, Schwert und Ring entstehen zwischen Feuer und Hammer neu. Im Gespräch mit dem Schmiedeexperten Philipp Ott wird Wagners berühmte Schmiedeszene auf ihre materiellen Grundlagen zurückgeführt. Dann erhebt das Feuer selbst seine Stimme und spricht über seine Wandlungen im Ring des Nibelungen: zerstörerisch, verführerisch, praktisch in der Schmiede und reinigend im Weltenbrand.
Doch Gold ist niemals unschuldig. Es trägt Spuren von Gewalt, Tausch und Begehren. Freia wird gegen den Nibelungenschatz verrechnet, Requisiten werden zu Reliquien, Dinge erhalten Macht über Menschen. Performance, Vortrag und Musik folgen den Spuren dieses roten Goldes bis in unsere Gegenwart.
Zum Schluss kehrt die Krankenschwester Ursula zurück und wagt den letzten Heilungsversuch: Richard Wagner selbst wird heraufbeschworen. Brünnhildes Schlussgesang erklingt, neu erfunden auf der Singenden Säge.
Mit: Katja Czellnik (Performerin), Franziska Kronfoth (Regisseurin), Roman Lemberg (Tasteninstrumente), Wieland Lemke (Kostümbildner), Florian Loycke (Puppenspiel), Max Murray (Komponist), Janine Ortiz (Dramaturgin), Philipp Ott (Schmied), Vera Pulido (Soundkünstlerin), Nolundi Tschudi (Performerin, Multi-Instrumenalistin)
Wagners Musiktheater ist voller Wiedergänger, Unsterblicher und Untoter, voller Motive, die wiederkehren und nicht totzukriegen sind. Bringen Sie Ihre Lieblingsaufnahme mit! Schallplatten, CDs oder digitale Erinnerungen. Gemeinsam hören wir historische Stimmen, verlorene Klänge und Ihre persönlichen Wagner-Geschichten.
Mit: Nolundi Tschudi, Franziska Kronfoth, Roman Lemberg, Max Murray, Janine Ortiz
Zum Abschluss des Tages unheimliches Rauschen, Gesänge, diffuse Schreie, Hämmern und Pulsieren in Wagners Unterwelten. Fafners Drachenhöhle, Alberichs Nibelheim, Venusberg und Erdas Zauberreich – ein elektronisches Wagner-Set zum Ausklang der performativen Konferenz.
Mit: Vera Pulido (Soundkünstlerin), Roman Lemberg (Orgel), Max Murray (Tuba)
27. Juli 2026: 12:00–22:00 Uhr
29. August 2026: 13:00–22:00 Uhr
Probebühne 4 der Bayreuther Festspiele
(neben der Pforte Ost)
Festspielhügel 1-2
95445 Bayreuth
Eintritt frei