
Im Rahmen dieser erstmaligen Veranstaltungsreihe gewähren renommierte Gesprächspartner auf der Probebühne IV der Bayreuther Festspiele Einblicke in das Werk Richard Wagners und laden zum
Gedankenaustausch ein.
Richard Wagner gehört zu den großen Denkern der "Zäsur", des Einschnitts, des radikalen Neubeginns: In krisenhafte Gesellschaften brechen charismatische Außenseiter ein und treten ein mehr oder
weniger schweres Erbe an - oder schlagen es aus. Impulse kommen immer aus der Fremde: von reinen Toren (Parsifal), Gralskönigen (Lohengrin) oder wahrhaft "Freien" (Siegfried). Wagner erträumt die
große Generalpause der Geschichte. Einen Ort für seine Werke jedoch fand er nicht auf den Ruinen einer zerstörten Welt - sondern in Bayreuth. Und seine Werke offenbaren, bei näherer Betrachtung,
ein Ringen um die Balance zwischen Neubeginn und Kontinuität. Sie sind zwischen Mythos und Utopie angesiedelt. Diese Spannung zwischen den Extremen macht seine Werke bis heute akut. Viele seiner
Ansprüche und Ideen bleiben Utopien, andere sind auf unvorhersehbare Weise erfüllt worden.
Die diesjährige Gesprächsreihe der Bayreuther Festspiele spürt den Wegen nach, auf denen Richard Wagners Werk und Denken in Kunst und Politik des 20. und 21. Jahrhunderts Eingang gefunden hat. Es
moderiert Carsten Jenß, Dramaturg für Musiktheater, Ballett und Konzert am Staatstheater Mainz.
6. August, 14.00 Uhr
Wir sind König: Richard Wagner und die Demokratie
Gast: Gustav Seibt
Richard Wagner, der Revolutionär von 1848/49, kam nicht ohne Könige aus. Weder auf der Bühne noch im Leben. Und wenn diese Könige auf der Bühne Konkurrenz bekommen, dann durch charismatische
Einzelne, die Identifikation fordern - beispielsweise in LOHENGRIN: Das Volk, in Gestalt Elsas, hätte in Lohengrin aufzugehen. Richard Wagner folgt auch zu revolutionär bewegten Zeiten einem
romantischen Herrschaftsmodell, in dem der Gegensatz zwischen König und Volk durch mystische Verschmelzung aufgehoben, nicht durch demokratische Institutionen vermittelt werden soll. Der
Tradition dieses Denkens in der deutschen Geschichte spürt dieses erste Gespräch mit Gustav Seibt nach.
8. August, 16.00 Uhr
Aus dem "mystischen Abgrund": Dirigenten der Bayreuther Festspiele
Gast: Stephan Mösch
Auch wenn die Musik Richard Wagners den Hörer immer wieder zu entrücken scheint - wie sie das tut und ob sie es tut ist eine Frage der musikalischen Interpretation. Wagners Klangmagie, die im
Festspielhaus zu vollendeter Entfaltung gelangt, fordert nicht nur die Erfüllung sondern auch die Hinterfragung von Entrückungsbedürfnissen heraus. Wagner und was wir von ihm halten steht nicht
nur auf der Bühne sondern auch im Graben auf dem Spiel. Der Geschichte musikalischer Wagner-Interpretationen in Bayreuth geht Stephan Mösch, Chefredakteur der "Opernwelt" und Autor des
vielbeachteten Buches "Weihe, Werkstatt, Wirklichkeit - Wagners "Parsifal" in Bayreuth 1882 - 1933" in diesen "Zäsuren" nach.
10. August, 14.00 Uhr
Weihe und Spiel: Der Erbe und seine Erben
Gast: Hermann Nitsch
Mit Hermann Nitsch ist einer der bedeutendsten "Wagner-Erben" der zeitgenössischen Kunst zu Gast. Sein Orgien-Mysterien-Theater, seine seit den 60er Jahren praktizierten Performances, Rituale und
Aktionen - gipfelnd in seinem eigenen "Bayreuth" in Prinzendorf - haben ähnlich wie Wagners Spätwerk PARSIFAL, Kirche und Religionsgeschichte der Menschheit für die Kunst produktiv gemacht.
Richard Wagner sah sich als schöpferischen Erben einer Kirche, die ihre eigenen Erzählungen und Rituale nicht mehr mit Leben zu füllen verstand. Ein in Echtzeit zelebriertes Ritual, sei es auch
auf die Guckkastenbühne verbannt, sprengt die vierte Wand, macht den Zuschauer zum Teilhaber, erschafft im Augenblick der Aufführung eine eigenartige Gemeinschaft und verwirklicht damit einen
Aspekt der sozialutopischen Festspielidee. Auch als Exponent der Sehnsucht nach Gemeinschaft im Zeichen der Kunst war Richard Wagner wegweisend für die Avantgarden des 20. Jahrhunderts.
13. August, 14.00 Uhr
Geschichte des Geschichtslosen: Siegfrieds Nachleben
Gast: Herfried Münkler
In Wotans Projekt "Siegfried" wird ein Begehren nach Neuanfang lebendig, das dem späten 19. Jahrhundert vertraut war. Bei der Abwägung von "Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben"
(Friedrich Nietzsche) erwies sich der Nachteil als eklatant. In einer Epoche zunehmender Institutionalisierung war die Sehnsucht nach einem Ausstieg aus der Geschichte, ihrem Schuld- und
Verantwortungszusammenhang, groß. Dass man Geschichte völlig frei, von einem außergeschichtlichen Standpunkt her gestalten könne und unter Laborbedingungen der "neue Mensch" zu schaffen sei,
gehörte auch zu den Grundüberzeugungen utopisch-totalitärer Projekte des 20. Jahrhunderts. Um die Geschichte dieser Sehnsucht nach Geschichtslosigkeit geht es im Gespräch mit dem
Politikwissenschaftler Herfried Münkler.
Eine Veranstaltung der Bayreuther Festspiele, durchgeführt von der BF Medien GmbH.
Die Reihe „Zäsuren - Bayreuther Festspielgespräche“ wird ermöglicht durch:
