Bayreuther Festspiele

Das gemeinschaftliche Testament Siegfried und Winifred Wagners vom 8. März 1929

 
Testament.

Heute, den achten März neunzehnhundertneunundzwanzig, 8. März 1929, erschienen vor mir, Justizrat Josef Leuchs, Notar in Bayreuth, in den Amtsräumen des Notariats Bayreuth II: Herr Siegfried Wagner, Dichterkomponist in Bayreuth, 59 Jahre alt, und dessen Gattin Frau Winifred Wagner, daselbst, 31 Jahre alt, beide mir persönlich bekannt und geschäftsfähig. Da die Erschienenen erklärten, ein Testament errichten zu wollen, so wurden als einwandfreie Zeugen zugezogen:
1. Herr Ernst Beutter, Bankdirektor in Bayreuth
2. Herr Dr. Fritz Meyer, Rechtsanwalt in Bayreuth,
beide mir ebenfalls persönlich bekannt.
In Gegenwart der beiden Zeugen übergaben mir die Ehegatten Wagner die diesem Protokoll beigeheftete offene Schrift mit der mündlichen Erklärung, dass dieselbe ihren beiderseitigen letzten Willen enthalte. Sämtliche mitwirkende Personen waren während der ganzen Dauer der Verhandlung zugegen. Vorgelesen vom Notar, von den Ehegatten Wagner genehmigt und von ihnen und den beiden Zeugen eigenhändig unterschrieben.

gez. Siegfried Wagner
gez. Winifred Wagner
gez. Ernst Beutter
gez. Dr. Fritz Meyer
gez. JR. Leuchs, Notar.
 
L.S. Gemeinschaftliches Testament der Eheleute Siegfried und Winifred Wagner.
Herr Siegfried und Frau Winifred Wagner bestimmen ihren letzten Willen wie folgt:
Die Ehegatten leben in dem gesetzlichen Güterstand der Verwaltung und Nutzniessung.

I.
Stirbt Herr Siegfried Wagner vor Frau Winifred Wagner, so hat folgende Erbfolge Platz zu greifen:

1. Frau Winifred Wagner wird Vorerbin des gesamten Nachlasses des Herrn Siegfried Wagner. Als Nacherben werden bestimmt die gemeinsamen Abkömmlinge der Ehegatten Wagner zu gleichen Stammteilen. Die Nacherbfolge tritt ein mit dem Tode oder mit der Wiederverheiratung der Frau Winifred Wagner. Geht Frau Winifred Wagner eine neue Ehe ein, oder schlägt sie die Erbschaft aus, so soll sie nur Anspruch auf den Pflichtteil haben. In diesem Falle sind Vorerben die Söhne und Töchter der Eheleute Wagner. Nacherben sind deren gemeinschaftliche Abkömmlinge, die zur Zeit des Eintritts der Nacherbfolge am Leben sind. Die Nacherbfolge tritt ein, wenn die sämtlichen Söhne und Töchter der Eheleute Wagner gestorben sind. Schlagen die Söhne und Töchter der Eheleute Wagner die ihnen zugedachte Nacherbschaft aus; so erhalten sie nur den Pflichtteil, Frau Winifred Wagner wird Erbin.

2. Die Erben erhalten bezüglich des Festspielhauses folgende Auflage: Das Festspielhaus darf nicht veräussert werden. Es soll stets den Zwecken, für die es sein Erbauer bestimmt hat, dienstbar gemacht werden, einzig also der festlichen Aufführung der Werke Richard Wagners. Erfüllen die Erben diese Auflage nicht, so sollen die gleichen Folgen eintreten, wie sie oben unter Ziffer II für den Fall der Ausschlagung der Erbschaft durch Vorerben oder Nacherben dargestellt sind. Ist die Durchführung dieser Auflage trotz besten Willens der mit dieser Auflage belasteten Personen unmöglich, so soll über die weitere Bestimmung und das weitere Schicksal des Festspielhauses unter Ausschluss der ordentlichen Gerichte mit bindender Wirkung für alle beteiligten Personen eine Kommission entscheiden, die aus folgenden Personen besteht:
Frau Winifred Wagner, sofern sie nicht wieder verheiratet ist, nach deren Wegfall der jeweils älteste Abkömmling des Herrn Siegfried Wagner als Vorsitzender, das älteste Mitglied der Juristischen Fakultät in Erlangen und der Testamentsvollstrecker, Herr Ernst Beutter, Bankdirektor in Bayreuth, nach dessen Wegfall oder Unfähigkeit Herr Rechtsanwalt Dr. Fritz Meyer in Bayreuth, nach dessen Wegfall oder Unfähigkeit der Präsident der Akademie der Künste und Wissenschaften in München. Ist einem berufenen Mitglied dieser Kommission die Mitwirkung aus irgend einem Grunde nicht möglich, so wird der Ersatzmann durch den ersten Bürgermeister der Stadt Bayreuth bestimmt. Die Kosten der Kommission treffen den Nachlass. Massgebend für die Entscheidung der Kommission soll die Erwägung sein, dass das Festspielhaus als eine Hochburg echter deutscher Kunst der Nachwelt erhalten bleiben soll. Sollten alle in diesem Testament bedachten Personen die Erbschaft ausschlagen und dadurch die gesetzliche Erbfolge herbeiführen, so soll auch für diesen Fall die Auflage bezüglich des Festspielhauses gelten. Die Vollziehung dieser Auflage soll dann die Stadt Bayreuth verlangen können. (§ 2194 B.G.B.) Sollten Vorerben, Nacherben oder gesetzliche Erben durch Verschulden sämtlicher Erben, oder eines von ihnen, die Auflage nicht erfüllen, so soll die Stadt Bayreuth als Vermächtnisnehmerin das Festspielhaus zum Eigentum erhalten. Der Stadt Bayreuth wird für diesen Fall die im vorstehenden, den Erben gemachten Auflagen ausdrücklich auferlegt.

II.

Frau Winifred Wagner soll als Vorerbin befreit sein von den Vorschriften der §§ 2116, 2117, 2118, 2119 B.G.B. Das gleiche gilt für den Fall der Ausschlagung der Erbschaft durch die Vorerbin Frau Winifred Wagner für die Abkömmlinge des Herrn Siegfried Wagner, die in diesem Falle als Vorerben berufen sind.

III.

Stirbt Frau Winifred Wagner vor ihrem Ehemann, so ist Herr Siegfried Wagner Alleinerbe. Sollte einer der Abkömmlinge seinen Pflichtteil aus dem Vermögen der Mutter verlangen, so soll dieser Abkömmling auch aus dem Vermögen des Herrn Siegfried Wagner den Pflichtteil erhalten. Im übrigen soll Herr Siegfried Wagner nach dem Ableben seiner Ehefrau das Recht haben, das vorliegende Testament aufzuheben, ohne dass er das ihm Zugewendete ausschlagen muss. (§ 2271 B.G.B.)

IV.

Dieses Testament soll keinerlei Geltung und Wirkung haben, wenn die Ehe der Eheleute Wagner aus irgend einem Grunde geschieden wird (§ 2268 B.G.B.) oder wenn Herr Siegfried Wagner zur Zeit seines Todes auf Scheidung wegen Verschuldens seiner Ehefrau – zu klagen berechtigt war und die Klage auf Scheidung oder Aufhebung der ehelichen Gemeinschaft eingereicht war.

V.

Die sämtlichen Verfügungen dieses Testaments sind korrespektiv im Sinne des § 2270 B.G.B.; es ist anzunehmen, dass die Verfügung des einen nicht ohne die Verfügung des anderen getroffen sein würde. Das Aufhebungsrecht des Herrn Siegfried Wagner (Ziffer III) soll jedoch trotzdem bestehen.

VI.

Als Testamentsvollstrecker wird Herr Bankdirektor Ernst Beutter in Bayreuth bestimmt, sollte dieser wegfallen, als Ersatzmann Herr Rechtsanwalt Dr. Fritz Meyer in Bayreuth.

Bayreuth, den 8. März 1929.

gez. Siegfried Wagner                                                gez. Winifred Wagner

Beglaubigt:
Bayreuth, den 18. Oktober 1932.
Der Urkundsbeamte der Geschäftsstelle des Amtsgerichts.
Justizobersekretär.


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