Bayreuther Festspiele

Tristan und Isolde
Tristan und Isolde

Tristan und Isolde

Besetzung 2011

Musikalische Leitung Peter Schneider
Regie Christoph Marthaler
Szenische Leitung der Wiederaufnahme Anna-Sophie Mahler
Bühnenbild Anna Viebrock
Kostüme Anna Viebrock
Dramaturgie Malte Ubenauf
Chorleitung Eberhard Friedrich
 
Tristan Robert Dean Smith
Stefan Vinke
(16.8)
Marke Robert Holl
Isolde Iréne Theorin
Kurwenal Jukka Rasilainen
Melot Ralf Lukas
Brangäne Michelle Breedt
Junger Seemann Clemens Bieber
Ein Hirt Arnold Bezuyen
Ein Steuermann Martin Snell

Zur Inszenierung

Von Christoph Marthaler, Anna Viebrock und Malte Ubenauf

Gedanken zur Neuinszenierung von „Tristan und Isolde“, 2005

«Man ist allein mit allem was man liebt.»
(Novalis)

Wenn der Faden einer Glühbirne zerspringt, ein Streichholz verglimmt oder ein Himmelskörper beim Eintritt in die Erdatmosphäre verglüht, dann werden individuelle Lebensdauern sichtbar. Im Augenblick des Verlöschens glimmen die Objekte ein letztes Mal hell auf und bündeln alle verbliebene Energie in ein finales, verschwenderisches Lebenszeichen. Es ist ein Zeichen für die Unausweichlichkeit schlechthin: Alles was glüht, ist zum Verglühen verurteilt. Lediglich die Anlässe des Verlöschens sind variabel. Unabhängig davon, ob das endgültige Verglühen auf langwierigen Verschleiss oder eine Kurzschlussreaktion zurückzuführen ist: die dem Verlöschen unmittelbar vorausgehenden Zeiträume sind solche, in denen komplexe Systeme ins Ungleichgewicht geraten. Was sich dem melancholischen Beobachter als einsamer Sterbeprozess darstellt, ist - mikroskopisch betrachtet - ein Kollaps unzähliger chemischer und physikalischer Funktionszusammenhänge. Noch komplizierter wird es, wenn menschliches Bewusstsein das Spektrum der natürlichen Auslöschungsvorgänge um den Faktor der persönlichen Entscheidung bereichert. In jenem Moment, in welchem Isolde ihr Schwert sinken lässt und den todkranken «Tantris» verschont, hat das mitleidige und liebende Bewusstsein alle lebenserhaltenden Ordnungsmechanismen aufgehoben. Was zunächst wie eine Ahnung im Raum steht, wird durch den Austausch der Gifte unumkehrbar konkretisiert. Während Tristan und Isolde sicheren Boden verlassen und auf unruhigem Element nach Kornwall übersetzen, erleiden sie eine folgenschwere Liebesvergiftung. Von diesem Moment an gelten die tödlichen Bedingungen des Verlangens: Verneinung des Lebenswillens als Verewigung des Liebeswillens. Die Überfülle an toxischer Energie und der alles beherrschende Wunsch, sich an den anderen zu verlieren, setzt eine chaotische Kettenreaktion in Gang, die nicht nur die Liebenden selbst, sondern ein ganzes auf Kontinuität ausgerichtetes System zum Verglühen bringt: Zeitgleich mit Tristan und Isolde erleiden König Marke, Kurwenal, Brangäne und Melot die unumkehrbare Auflösung aller Zuordnungen. Jeder Einzelne von ihnen erfährt den Verlust des ihm zugedachten gesellschaftlichen Bindeglieds und vereinzelt in aller Öffentlichkeit. Folgerichtig verliert spätestens im Moment der Aufdeckung des Verrats auch die Zeit ihre ordnende Funktion. Fast scheint es, als werde die lineare Erzählung allmählich von den in sich kreisenden Denkbewegungen der Figuren überlagert und schliesslich eliminiert. Menschen versinken in nicht enden wollenden Selbstgesprächen. Andere verlieren sich in stiller Beobachtung des eigenen Auslöschungsprozesses. In einem an Samuel Beckett erinnernden Endspiel-Tableau geben die Figuren (mehr oder weniger freiwillig) jede Hoffnung auf irdische Erfüllung preis und geraten in Zustände äussert individueller Zeitwahrnehmung. Frei schwebend verschwimmen vor den Augen und Ohren der Verglühenden die Bilder und Klänge aller vergangenen und gegenwärtigen Ereignisse in Gleichzeitigkeit. Das Schiff, der Garten, Kareol – die Aufhebung der Zeitgesetze erzeugt ein simultanes Übereinander von Räumen und Gedanken. Deutlicher noch als in den vorangegangenen Teilen seiner musikdramatischen «Handlung» verdichtet Richard Wagner im dritten Aufzug das Zusammenwirken von «unendlicher Melodie» und den ins Unüberschaubare reichenden Tempo- bzw. Taktwechseln zu einer von jeder linearen Zeitlichkeit befreiten Szenerie. Wenn auf einmal wie im Zeitraffer gleich mehrere Schiffe aus dem Nichts auftauchen, anlegen und ihre Passagiere ausspucken, so erscheint diese plötzliche Ereignisdichte absurd angesichts der im Zeitlupentempo voranschreitenden Todes- und Sehnsuchtsphantasien des verwundeten Tristan. Das zeitlose Nebeneinander der im Verglühen begriffenen Figuren findet seinen Höhepunkt, wenn Isolde am Ende des dritten Aufzugs den bereits verstorbenen Tristan auffindet. Dessen Todesegoismus macht das erhoffte gemeinsame Verlöschen zunichte: «Tristan ist im dritten Akt nicht aus Todesangst verzweifelt; verzweifeln lässt ihn, dass er ohne Isolde nicht sterben kann und zu ewiger Sehnsucht verdammt ist – er erwartet ängstlich ihre Ankunft, damit er sterben kann»*. Tristan hat alleine das Tor zum Wahnfriedhof aufgestossen und es bleibt offen, wann und wie Isolde ihm dorthin tatsächlich folgen kann. Wut und Enttäuschung über den vorzeitigen Tod der Liebe münden in einer von vielen Fragezeichen durchdrungenen Abschiedsrede: «Soll ich atmen / soll ich lauschen? / Soll ich schlürfen / untertauchen? / Süß in Düften / mich verhauchen?» Eine kaum zu überhörende Hilflosigkeit schwingt in diesen Worten mit. Das gemeinsame Verglühen aus liebendem Verlangen ist gescheitert und so ist Isoldes viel beschriebener «Liebestod» wohl vor allem eine Todessehnsucht aus Mangel an Alternativen. Ob sie in Erfüllung geht, steht in den seltsam fluoreszierenden Sternen.

* aus: Slavoj Zizek, «Der zweite Tod der Oper», Berlin 2003



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