Bayreuther Festspiele

Die Walküre
Die Walküre
Die Walküre Die Walküre Die Walküre
Die Walküre

Die Walküre

Besetzung 2009

Musikalische Leitung Christian Thielemann
Regie Tankred Dorst
Bühnenbild Frank Philipp Schlößmann
Kostüme Bernd Skodzig
Dramaturgie Norbert Abels
 
Siegmund Endrik Wottrich
Hunding Kwangchul Youn
Wotan Albert Dohmen
Sieglinde Eva-Maria Westbroek
Brünnhilde Linda Watson
Fricka Michelle Breedt
Gerhilde Sonja Mühleck
Ortlinde Anna Gabler
Waltraute Martina Dike
Schwertleite Simone Schröder
Helmwige Edith Haller
Siegrune Wilke te Brummelstroete
Grimgerde Annette Küttenbaum
Rossweisse Alexandra Petersamer

Zur Inszenierung

Von Norbert Abels, 2006

Anmerkungen zu Tankred Dorsts Inszenierung des „Rings der Nibelungen“

Die Walküre

Zu Wagners „Der Ring des Nibelungen“, als Gesamtwerk uraufgeführt 1876 in Bayreuth, führen viele Wege aus Dorsts Welt. Sein Merlin scheitert mit seinen Plänen, verstrickt sich immer tiefer in die Widersprüche der menschlichen Historie, verliert den Glauben an die Utopie und flieht in die Zeitenthobenheit des Naturzyklus. Zu tun hat er es mit den obligatorischen Ingredienzien des Schiffbruches: mit Egoismus, Lieblosigkeit und Machtgier.

 

Die Liebe, bei Wagner „das ewig Weibliche selbst“, zieht sich aus dem Dickicht der Geschichte zurück. Wie am Ende der „Götterdämmerung“ wird auch in „Merlin“ die Welt beständig fahler. Dorsts Wort über die Wesen des verglimmenden Zwergplaneten kann durchaus als Einführung in den „Ring“ entliehen werden: „Es ist nicht erwiesen, inwieweit sie das Ende des Planeten voraussagen oder sogar herbeiführten. Die wenigen Spuren ihrer Existenz bleiben rätselhaft.“

 

Seit 26 Jahren umkreist Dorst die Merlin-Welt, hält sein „wüstes Land“ in Bewegung, setzt erst vor kurzem mit der modernen Semi-Oper „Purcells Traum von König Artus“ diese unendliche Annäherung fort. Die „Walküre“ beginnt mit einem Unwetter, worin sowohl die äußere als auch die innere Aufgewühltheit sehr expressiv ertönt. Bevor Siegmund und Sieglinde sich erstmals in die Augen blicken – Wagners dichte Blickdramaturgie gelangt in diesem Werk auf ihren Höhepunkt -, kracht und blitzt es. Heutige Menschen haben Schutz gesucht in einem zum Abbruch verurteilten, im Wald gelegenen Anwesen. Ein Telegrafenmast hat das Dach zerschlagen. In ihm steckt – zunächst noch unsichtbar – Notung, das Schwert. Nach dem Abklingen des Gewitters verlassen die Schutzsuchenden die Villa. Zurück bleibt in der Mitte ein Stuhl, auf dem Sieglinde sitzt: ein Bild der Melancholie, der Erwartung, aber auch der Gefangenschaft. Sieglinde verliert ihre Trance auch nicht, als Siegmund, der noch unerkannte Bruder, die Szene betritt. Hundings Soldateska, versehen mit abnehmbaren Hundeköpfen – sie erinnern an den ägyptischen Totengott -, okkupiert diesen Raum mit martialischer Gebärde. Mit einem Blick wird Siegmund das ganze Elend der jungen Frau klar.

 

Das zweite Bild führt an den Rand einer heutigen Megastadt. In der Mitte liegt ein Felsen, der ein Geheimnis birgt. Im Hintergrund erscheinen die porös gewordenen Petrefakte der Geschichte, die einst großen Welteroberer und Weltzerstörer, auch die Weltdenker. Wir blicken auf die Müllhalde der Historie, auf Denkmäler, Reiterstandbilder, Büsten und Reliefs. Wir blicken auf das, was sich einst als das Große und Unvergängliche aufspreizte. Wir erleben die Relativität aller Absolutheitsansprüche im Anblick ihrer Hinfälligkeit. Vor solchem Hintergrund spielt sich die traurige Geschichte des Gottes Wotan ab. Nietzsche hat uns allen die Frage gestellt, wo unter uns sich die Menschen befinden mögen, die das göttliche Bild Wotans sich nach ihrem Leben zu denken vermögen „und welche selber immer größer werden, je mehr sie, wie er zurücktreten?“ Und mehr noch. Gestellt werden muss an uns alle die Frage: „Wer von euch will auf Macht verzichten, wissend und erfahrend, dass die Macht böse ist?“

 

Auf dem Heldenfriedhof der Geschichte – ganz in der Nähe erblicken wir zwei wiederum ahnungslose Heutige, ein verliebtes Paar mit Fahrrad – erfährt der Gott in einem Simultanvorgang die Vergänglichkeit der Größe. Das „Einst“ der Vergangenheit und das „Einst“ der Zukunft fallen im Jetzt für einen kurzen Zeitraum zusammen.

 

Der Felsen in der Mitte bewegt sich und Wotan erblickt seinen eigenen petrifizierten Kopf; der Kopf des großen Gottes, gerammt in den Grund. Gleichzeitig betritt mit langsamsten Bewegungen, zerbrochene Speerspitzen in den Händen, ein Doppelgänger die Bühne: Wotans Zukunft in der Gestalt des Wanderers, der aus dem Mythos aussteigen will, der unendlich müde geworden ist und der nur eins zu fürchten hat: dass es das Ende niemals geben wird.

 

Dort, bei den Statuen, spielt sich viel ab in der „Walküre“. Die streitbaren Töchter des Gottes treten später in einem Steinbruch auf. Vielleicht lieferte er das Material für die Steinheroen... Auch er ist ein Unort, ein Müllplatz mit Utensilien des Heute, die im letzten Akt dann auch die Funktion der Vorhersehung erhalten; genau dann, wenn der Vater sein monströses Amt ausübt und die Tochter auf einer herumliegenden Palette zur lebenden Statue macht.



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